Donnerstag, 6. Oktober 2016

Auf verschlungenem Weg zur individuellen Gesundheitskompetenz

Quelle:123rf
GESUNDHEITSKOMPETENZ ist das, was international „Health Literacy“ genannt wird -  auf Deutsch etwa „gesundheitliche Lese-und Schreibfähigkeit / Bildung“.
Allerdings könnte diese Übersetzung zum irreführenden Schluss führen, dass  gesundheitsbezogene Abc - Kenntnisse genügen würden, um die Nutznießer des Gesundheitswesens zu kompetenten Partnern zu befähigen.

Weit gefehlt!
Bei der Gesundheitskompetenz geht es nicht um Lese- und Schreibfähigkeit, sondern darum, Gesundheitsinformationen  zu finden, zu interpretieren, anzuwenden, um sich im Alltag über das Gesundheitswesen, die Krankheitsprävention und die Gesundheitsförderung eine Meinung zu bilden und Entscheidungen treffen zu können, die die Lebensqualität im Lebensverlauf erhalten oder verbessern.

Leider ist der aktuelle Stand des Umgangs mit der gesundheitlichen Kompetenz gar nicht so rosig. Mehr als die Hälfte der Deutschen sollen sich von der heutigen Informationsflut zu Gesundheitsthemen  überfordert fühlen. Das zeigt eine repräsentative Studie der Universität Bielefeld, die dieses Jahr vorgestellt wurde. Demnach würden 44% der Deutschen eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz aufweisen, 10% sogar eine unzureichende.
Und Menschen mit einer eingeschränkten Gesundheitskompetenz stünden vor großen Problemen. Sie hätten beispielsweise Schwierigkeiten Informationen einzuschätzen, etwa unterschiedliche Behandlungsoptionen zu beurteilen, Packungsbeilagen für Arzneimittel zu verstehen und zu bewerten oder zu entscheiden, wann eine ärztliche Zweitmeinung sinnvoll ist. Auch Einschätzungen von Gesundheitsinformationen in den Medien würden sie vor Probleme stellen.

Das von der Robert-Bosch-Stiftung geförderte Projekt „NATIONALER  AKTIONSPLAN GESUNDHEITSKOMPETENZ“, an dem die Universität Bielefeld, der AOK-Bundesverband und Hertie - School of Gouvernance beteiligt sind, soll in den nächsten 2 Jahren Strategien zur Stärkung der Gesundheitskompetenz entwickeln.
Es handelt sich um ein sehr komplexes Projekt. Wenn auch im Mittelpunkt die Verbesserung der Entscheidungsfähigkeit von Patientinnen und Patienten steht, müssen auch Behörden,  Ärzte, Krankenkassen, Apotheken, Pflege- und Selbsthilfeverbände, das ganze Gesundheitssystem, das Bildungswesen  mit einbezogen werden.
Die Verantwortlichen im Gesundheitswesen sollen laut Bundesgesundheitsminister Gröhe, der Schirmherr des Projekts, gesundheitsfördernde Rahmen schaffen, so u. a. unabhängige, wissenschaftlich belegte und leicht verständliche Gesundheitsinformationen ausarbeiten. Denn über Gesundheitsinformationen aus Internet ließen sich nicht ohne weiteres neueste wissenschaftlich belegte Erkenntnisse von werbliche Angeboten oder interessengeleitete Empfehlungen unterscheiden.

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Also bei all der Komplexität der Materie sollte man nicht vergessen, dass im Rahmen der GESUNDHEITSKOMPETENZ  der Umgang mit Gesundheitsinformationen  - sie richtig zu verstehen, zu beurteilen und zu verwenden - grundlegend ist. Aus diesem Grund darf die Wirkung auch so kleiner Schritte nicht übersehen werden.

Ein paar Beispiele
Dass ein Medikament mit einem anderen Medikament in manchen Fällen zu relevanten Wechselwirkung führen  kann, ist allseits bekannt. 
In den Packungsbeilagen werden zwar von Herstellern alle jemals bekannt gewordenen unerwünschten Wirkungen und Wechselwirkungen genannt. Bisherige Studien weisen darauf hin, dass es für Patienten schwierig sei, Spreu vom Weizen zu trennen, Wichtiges auszuwählen. Einige Wechselwirkungen müssten aber in den Packungsbeilagen hervorgehoben werden, denn sie seien so gravierend, dass bestimmte Wirkstoffe lieber nicht zusammen angewendet werden sollten:
•    Schmerzmittel und entzündungshemmende Azetylsalizylsäure (ASS) kann die Wirkung von Medikamenten verstärken oder abschwächen. Bei gleichzeitiger Einnahme von Azetylsalizylsäure und gerinnungshemmenden Mitteln wie Marcumar oder Heparin besteht erhöhte Blutungsgefahr.
•    Abführmittel können die Wirkung von Herzmitteln verstärken. Folge sind Herzrhythmusstörungen.
•    Zusammen mit Johanniskraut wirken etliche Präparate nicht mehr zuverlässig - unter anderem „die Pille“.

Nicht nur ein Medikament kann mit einem anderen Medikament in Wechselwirkung treten. Auch Lebensmittel können die Aufnahme des Wirkstoffs eines Medikaments beeinflussen.
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Hier einige Beispiele:
•    Antibiotika und Milchprodukte: Milch, Quark, Jogurt und Käse und Antibiotika passen nicht zusammen. Die wichtige Medikamentengruppe der tetrazyklischen Antibiotika wie Doxycyclin können mit dem Kalzium aus Milchprodukten Verbindungen eingehen, die der Körper nicht mehr aufschließen kann. Damit wird die Wirkung des Medikaments sozusagen ausgebremst. Kalziumhaltige Lebensmittel wie Milch und Joghurt & Co. sollten daher frühestens zwei Stunden nach der Einnahme dieser Antibiotika verzehrt werden.
•    Antibiotika und Koffein: Häufig werden bei Blasen- oder Niereninfektionen Antibiotika verschrieben, die Gryasehemmer enthalten. Mit Koffein, wie es in Kaffee, Cola oder Tee enthalten ist, kann es zu Erregungszuständen, Herzrasen und Schlafstörungen kommen, denn das Medikament hemmt den Abbau des Koffeins. Deshalb während der Einnahme lieber komplett auf Koffein verzichten.
•    Eisentabletten und Koffein: Medikamente gegen Blutarmut sind nutzlos, wenn sie zusammen mit Kaffee oder Tee geschluckt werden. Die Gerbsäure der Getränke bindet die Eisenionen im Magen an sich. So wird das Eisen ausgeschieden, statt über die Darmwand im Blutkreislauf zu landen. Schwangere z.B., die ihr Eisenpräparat zum Frühstück zu sich nehmen, sollten mindestens zwei Stunden vor und nach der Einnahme der Tabletten keinen Tee oder Kaffee trinken.
•    Grapefruitsaft und Schmerzmittel, Schlafmittel, Antihistaminika, Bluthochdruckmittel: Ganz verzichten sollte man bei der Einnahme von Medikamenten auf Grapefruitsaft, auch wenn einige der Symptome eher selten sind. Die in ihm enthaltenen Flavonoide, das sind die in den Pflanzen enthaltenen Farbstoffe, verstärken die Wirkung zahlreicher Medikamente um rund 30 Prozent und können z.B. Bluthochdruck auslösen. Dies gilt auch für Bitterorangen, die in manchen Orangenkonfitüren und -marmeladen enthalten sind. Vorsicht ist besonders bei Herztabletten mit dem Wirkstoff Nifedipin geboten. Zusammen mit Pampelmuse drohen Blutdruckabfall, Herzrasen und Kopfschmerz. In Kombination mit Schmerzmitteln kann das Herz aus dem Takt geraten: Herzrhythmusstörungen sind die Folge. Zusammen mit Schlafmitteln kann es zu vollrauschartigen Symptomen kommen. Einige Antihistaminika führen in Kombination mit Grapefruit im schlimmsten Fall ebenfalls zu Herz-Rhythmus-Störungen.
•    Lakritze und Diuretika: Diuretika sind Mittel, die den Körper entwässern. Dabei schwemmen sie gleichzeitig Vitamine und Mineralstoffe aus. Nehmen Lakritzliebhaber entwässernde Arzneien über einen längeren Zeitraum, kommt es zu einem verstärkten Kaliumverlust. Die Symptome: Muskelschwäche, Schläfrigkeit, schwächere Reflexe und ein erhöhter Blutdruck.
•    Asthmamittel mit Theophyllin und schwarzer Pfeffer; der Pharmahersteller Madaus warnt: Wer gerne mit schwarzem Pfeffer scharf würzt, sollte besonders vorsichtig sein, denn das darin enthaltene Piperin hemmt den Abbau von Theophyllin, das hauptsächlich bei schwerem Asthma bronchiale verordnet wird. Eine Studie fand nämlich heraus, dass Piperin den Theophyllinspiegel erhöhen kann. Diese Patienten sollten ebenfalls auf tanninhaltige Lebensmittel oder Arzneimittel verzichten. Tanninhaltig sind z.B. Schwarztee, Grüntee, Walnuss, Himbeere, Eiche und Hamamelis.
•    Antidepressiva und Wein bzw. Käse: Antidepressiva enthalten häufig sogenannte MAO-Hemmer. Diese hemmen das Enzym Monoaminoxidase (MAO), das bestimmte Botenstoffe abbaut. MAO-Hemmer erhöhen auf diese Weise vereinfacht gesagt die Konzentration verschiedener Botenstoffe im Gehirn: So sorgen sie dafür, dass mehr der glücklich machenden Botenstoffe Serotonin, Noradrenalin und Dopamin im Gehirn zur Verfügung stehen. Die Stimmungsaufheller geraten in Konflikt mit protein- und tyraminhaltigen Lebensmitteln, die längere Zeit lagern. Dazu gehören auch Sauerkraut, Käse, weiße Bohnen sowie Salzheringe. Das Eiweißprodukt Tyramin kann im Körper während der Einnahme nicht abgebaut werden, da das für diesen Prozess unentbehrliche Enzym nicht wirkt. Werden nun Käse und Wein – besonders Chianti - zusammen mit MAO-Hemmern eingenommen, kann dies lebensgefährliche Bluthochdruckkrisen und Hirnblutungen auslösen. Als möglicherweise gefährlich gelten auch Bananen und Ananas, Muskatnuss, Feigen, Rosinen, Joghurt, Soja-Soße und Sauerkraut.

Unproblematisch: Blutgerinnungshemmer und grünblättriges Gemüse
Als unproblematisch gelten nach neueren Untersuchungen und entgegen vieler Informationen häufig verordnete Mittel zur Blutverdünnung, sogenannte Antikoagulantien wie Marcumar, um zum Beispiel einer Thrombose vorzubeugen. Vitamin K ist in grünblättrigem Gemüse (Kohl, Spinat, Kohlrabi, Kopfsalat, Sauerkraut) sowie in Leber, Fleisch und Ei enthalten.
Solche Vitamin-K-haltigen Lebensmittel braucht man nicht zu meiden, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): "In einer Reihe von klinischen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass selbst durch Verzehr größerer Mengen an Vitamin-K-reichen Lebensmitteln der Quick-Wert nicht oder nur unwesentlich beeinflusst wird. Für Patienten unter Antikoagulationstherapie mit Vitamin-K-Antagonisten gibt es daher keinen Grund, auf Vitamin-K-reiche Lebensmittel, wie Leber, Spinat, Brokkoli, Weiß-, Rot-, Grün- und Blumenkohl, zu verzichten."
Sinnvoll aber ist es auf entsprechende Multivitaminpräparate zu verzichten bzw. deren Einnahme ist mit dem behandelnden Arzt zu klären.

Arzt im Gespräch/ Quelle:123rf
Die Einnahme von Medikamenten!
In den Packungsbeilagen  findet man Hinweise wie „Einnahme vor dem Essen“ oder „Einnahme nach dem Essen“. Laut Medizinern bedeute das keine Einnahme direkt vor oder nach dem Essen. Im Gegenteil: die Medikamente sollten auf nahezu leeren Magen eingenommen werden, d. h. mindestens 2 Stunden nach der letzten und mindestens 1 Stunde vor der nächsten Mahlzeit eingenommen werden. Denn Nahrung könnte die Wirksamkeit oder den Wirkungseintritt beeinträchtigen. Dies ist der Fall bei den sogenannten „magensaftresistenten“ Tabletten. Sie haben einen schützenden Überzug, der nur im leeren Magen stabil bleibt.
In anderen Fällen nimmt der Körper den Wirkstoff besser auf, wenn das Medikament zusammen mit einer Mahlzeit eingenommen wird, so die Mediziner - z. B. bei Schmerzmitteln. Da sie manchmal auf den Magen schlagen, sei die „Einnahme während des Essens“ empfehlenswert.

Das Ausmaß der individuellen Gesundheitskompetenz ist doch ganz wesentlich von der fachlichen Qualität und Verfügbarkeit bereitgestellter Informationen abhängig.
Dass Medikamente mit einem Glas Wasser einzunehmen sind, steht natürlich in jeder Packungsbeilage. Dass man auf den Alkoholkonsum während der Einnahme von Medikamenten lieber verzichten sollte, hat sich auch herumgesprochen. Darüber, was aber ein Grapefruitsaft, schwarzer, grüner oder Mate-Tee, Milch, Spinat, Broccoli & Co während einer medikamentösen Therapie  alles anrichten können, ist weniger bekannt, (wenn überhaupt). Ein entsprechender Hinweis in jeder Packungsbeilage würde nur einen kleinen Schritt bedeuten, aber ein kleiner Schritt in Richtung einer effektiven Maßnahme.

Medikationsplan / Wikipedia
Es wird aber jetzt schon besser, denn wir sind im Oktober 2016. Es ist der Monat in dem gem. dem „Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendung im Gesundheitswesen“, kurz „E-Health-Gesetz“, von Ärzten oder Apothekern für mehr Medikationssicherheit eine Arzneimittel-Dokumentation angelegt werden kann. In diesem Zusammenhang entsteht für versicherte Patienten der Anspruch auf einen  Medikationsplan. Der Arzt sei verpflichtet, dem Patienten über diesen Anspruch aufzuklären, den Medikamentenplan zu erstellen und diesen ihm auszuhändigen. Ab 2018 geht es noch einen Schritt weiter. Da soll der Medikationsplan auch elektronisch von der Gesundheitskarte abrufbar sein.

Arzt erklärt Rezept / 123rf
Das „E-Health-Gesetz“ sieht bekanntlich den Einsatz elektronischer Medien (der Telematik) im Gesundheitswesen vor. Der Einsatz soll 2018 beendet sein. D.h.: Ab diesem Zeitpunkt sollen Arztpraxen und Krankenhäuser flächendeckend an die Telematik-Infrastruktur angeschlossen sein.
Und 2018 soll auch das Maßnahmenkonzept des Nationalen Aktionsplans für Gesundheitskompetenz vorliegen.
Die neue Telematik-Infrastruktur soll maßgeblich dazu beitragen, nicht nur qualitativ, sondern auch zeitlich Arbeitsabläufe medizinischer Anwendungen und Leistungen zu optimieren. Das könnte dazu führen, dass der Arzt  dem Patienten mehr Zeit widmen kann. In mehr als 8 Minuten (die heutige durchschnittliche Dauer eines Arzt/Patient - Gesprächs) könnte der Arzt dann ausführlicher, dem Patienten Diagnose und Behandlung verständlich machen. Dies zusammen mit weiteren durch das Maßnahmenkonzept des Nationalen Aktionsplans gebotenen Entwicklungsmöglichkeiten wird dazu führen, dass der Versicherte immer öfter kompetente Entscheidungen  für die eigene Gesundheit treffen kann, dass der Versicherte nicht nur als payer sondern auch als kompetenter player agieren kann.


                       Die Hoffnung entfernt selbst von dem Grabe sich nicht

                                         Johann Wolfgang von Goethe




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