Samstag, 22. Februar 2014

GiM und LSBTTIQ

GiM und nicht Gym - die Abkürzung für Gymnastik!
Es geht um die Geschlechterforschung in der Medizin, (Gender Medicine).
Diese verhältnismäßig junge Fachrichtung der Medizin  befasst sich nicht nur mit den biologischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Sie analysiert auch die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse von Frauen und Männern, (Gender), die zu geschlechtsspezifischen Unterschieden mit Einfluss auf das Gesundheitsverhalten führen.

Die Gender-Medizin hat ihren Ursprung in der Frauen-Gesundheitsforschung in den USA der 1980er Jahre, als die Ärztinnen Elisabeth Barett-Connor und Bernadine Healy ihre Studie über  kardiologische Erkrankungen bei Frauen veröffentlichten und dabei auf die Unterschiede zwischen den Herzen von Männern und Frauen hinwiesen. Seit 2001 gewinnt die Gender-Medizin in Europa immer mehr an Bedeutung. In Deutschland befassen sich immer mehr Universitätskliniken mit Genderperspektiven. Seit 2003 gibt es an der Charité in Berlin das Institut für  Geschlechterforschung in der Medizin - ,,GiM“.

Die Gender-Aspekte  betreffen laut Wissenschaftler sämtliche medizinische Fachgebiete. Männer und Frauen  nehmen aber sogar Präventionsangebote unterschiedlich war.
So zeigte der Präventionsbericht 2011 des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen beispielsweise, dass Männer deutlich weniger an Präventionsmaßnahmen zu Bewegung, Ernährung, Stressbewältigung teilnehmen als Frauen. Dafür bei Angebote zum Suchtmittelkonsum, wie der Raucherentwöhnung, sind Männer beinahe so stark vertreten wie Frauen.

Das GiM forscht in rund 40 Fachbereichen.  Bei zahlreichen Erkrankungen wie Herzinfarkt, Diabetes, Onkologie, in der Hirnforschung, in der Psychiatrie, der Zahnheilkunde oder der Alternativ- und Ergänzungsmedizin (Komplementärmedizin) u. a.m. zeigen Frauen und Männer unterschiedliche Symptome, reagieren anders auf Medikamente und andere Therapiemaßnahmen. Sie weisen oft unterschiedliche Risikofaktoren für Krankheitsentstehung und- verlauf oder Behandlungsrisiken auf.

Schon das Immunsystem ist anders bei Frau und Mann.
Nicht zu fassen, aber das „stärkere Geschlecht“ hat ein schwächeres Immunsystem als das „schwächere Geschlecht“. Ein einfacher Schnupfen bringe den Mann eher zur Strecke als eine Frau. Männer sollen auch häufiger an Lungenentzündung und Grippe sterben. Bei Frauen hingegen funktioniere das Immunsystem manchmal sogar zu gut und richte sich dann gegen den eigenen Körper. Autoimmunkrankheiten wie Arthritis oder Multiple Sklerose kommen bei Frauen weitaus häufiger vor als bei Männern. Mögliche Ursache könnten die Geschlechtshormone sein.

Dank der weiblichen Geschlechtshormone (Östrogene) ist das Risiko der meisten Frauen einen Herzinfarkt zu erleiden geringer als das Risiko eines Mannes. Eine „gewisse Zeit“ wohl gemerkt, und zwar solange  Geschlechtshormone sie vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen. Nimmt eine Frau übermäßig zu, und hat das Pech, dass das Fett in der Bauchregion sitzt, dann können auch die Hormone wenig bewirken.  Diese Bauchfettzellen sind sehr stoffwechselaktiv,  speichern Fett schneller und geben die Fettsäuren auch schneller wieder ab. In Verbindung mit Übergewicht stehen die freien Fettsäuren in starkem Verdacht, das Risiko Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich zu erhöhen.
Gender-Wissenschaftlerinnen weisen auch darauf hin, dass selbst wenn Frauen einen Herzinfarkt überleben, seien sie stärker als Männer von einem neuen Infarkt bedroht. Zudem sei  laut jüngster Studien statistisch erwiesen, dass bei grundsätzlich sinkender Zahl  der Herzinfarkte in den letzten Jahren das Risiko bei Frauen unter 60 Jahren und die damit verbundene Sterblichkeitsrate angestiegen seien.

Verspätete Diagnosen und Therapien, seltenere Verschreibung von Präventivmedikamenten wie Cholesterinsenker  sollen in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen.
In Berlin wurde aus diesem Grund eine repräsentative Umfrage zur Risikoevaluation für Herz-Kreislauf-Erkrankungen an Frauen gestartet. Die 1.000 Teilnehmerinnen sollen ihre Selbstwahrnehmung, Selbsteinschätzung im Umgang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen kundtun. In einer anschließenden Analyse sollen diese subjektiven Feststellungen und objektive medizinische Daten zueinander in Bezug gebracht werden. Diese Vorgehensweise ermögliche relevante  Versorgungsdefizite in der medizinische Vorsorge festzustellen und künftig Maßnahmen zu ergreifen,  um diese auszugleichen. 

In einer Therapie  spielt die Medikation eine bedeutende Rolle.
Wie Studien belegen, werden im Rahmen der Verfahren  zur Medikamentenzulassung  Frauen, alte Menschen, Kinder zu wenig oder gar nicht berücksichtigt. Bei Tests werden  junge, gesunde männliche Probanden herangezogen. Nach der Freigabe werden diese auf männlichen Körper ausgerichteten  Medikamente allen verschrieben, ohne Rücksicht auf die unterschiedlichen Wirkungen und Nebenwirkungen –bemängeln die Gender-Forscher, obwohl  Faktoren wie Körperfettgehalt, Hormone oder ein unterschiedlicher Stoffwechsel nachweislich die Wirkung von  Medikamenten geschlechtsspezifisch beeinflussen können.

So funktioniert beispielsweise der Magen-Darm-Trakt bei Männern anders als bei Frauen.
Bei Männern ist der Magen-Darm-Trakt „beweglicher“ (Motilität) als bei Frauen, weshalb die Wirkstoffe der Arzneimittel von Männern rascher und vollständiger aufgenommen werden. Dagegen ist das Magen-Enzym (Aldehyddehydrogenase) bei Frauen weniger aktiv als bei Männern, weshalb sie Alkohol schlechter abbauen können. Das betrifft aber nicht nur die alkoholischen Getränke sondern auch chemisch verwandte Arzneistoffe, die Bestandteil von Medikamenten sind. Deshalb sollte laut Empfehlung der Gender-Forscher, bei Patientinnen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen darauf geachtet werden, dass die Betablocker (enthaltend chemisch mit Ethylalkohol verwandte Stoffe) entsprechend schlechter abgebaut würden und infolgedessen mit stärkeren Nebenwirkungen zu rechnen sei.
Liest man die Warnhinweise in dem ellenlangen Beipackzettel für das entsprechende Medikament, (beispielsweise Carvedilol, Metoprolol, Nebivolol , Propranolol) stellt man fest, dass sich die Gender-Medizin tatsächlich noch in den Kinderschuhen befindet: ein Warnhinweis auf etwaige Nebenwirkungen speziell für Frauen gibt es nicht.

Es gibt noch viel zu tun, aber es lohnt sich. Denn dank der Einbeziehung geschlechtsspezifischer Gesichtspunkte können beide Geschlechter nur profitieren: unterschiede können in naher Zukunft immer stärker wahrgenommen und Präventionsangebote wie auch Therapiemaßnahmen gezielt auf Männlein und Weiblein abgestimmt werden.

Beide Geschlechter! – hätten uns nicht Anfang des Jahres die Pläne der Landesregierung Baden-Württemberg aufgerüttelt: die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“  im Bildungsplan 2015 festzuschreiben. Das bedeutet künftig die LSBTTIQ-Community - Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle, Queer - im Unterrichtswesen zu berücksichtigen.

Was bedeutet das aber für die Geschlechterforschung in der Medizin?
Gegenwertig ist sie bemüht, mithilfe immer zahlreicher medizinischer Daten der anders Erkrankung von Frauen und Männern Herr zu werden.
Wie andersartig erkrankt eine Person der LSBTTIQ- Community im Vergleich zur anders-Erkrankung  von heterosexuellen Frauen und Männern? Was passiert im Umgang mit gesundheitlichen Belastungen, wenn das Körpergefühl einer Person nicht im Einklang mit den eindeutigen anatomischen Geschlechtsmerkmalen ist und sie deswegen zur hormonellen und operativen Maßnahmen zugreift, um es anzugleichen? Wie ist die Wirkung eines Medikaments auf den Organismus einer Person, die genetisch, anatomisch und hormonell bedingt  nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugeordnet werden kann?

Die Geschlechterforschung in der Medizin hat noch viele offene Fragen und sie potenzieren sich erheblich mit Einbeziehung der sexuellen Vielfalt. 

Samstag, 1. Februar 2014